Folgender Leserbrief erreichte uns von Manfred Bartl zu unserer aktuellen Pressemitteilung zum Bundesweiten Bildungsstreik. Da die Argumente des Herrn Bartl in unseren Augen sehr lesenswert sind, möchten wir das Schreiben unseren Lesern nicht vorenthalten. Bitte beachten Sie insbesondere die kultivierte Ausdrucksweise und die sehr konstruktive Argumentationsweise:
Die Pressmitteilung des Bundesverbandes Liberaler Hochschulgruppen LHG zitiert ihren Bundesvorsitzenden, Johannes Knewitz, mit der Aussage, "sachliche Diskussionen" fänden "in so einer Atmosphäre leider fast nicht statt". Dazu ist zu bemerken: Mit ideologisch verblendeten, unsachlich oder falsch "informierenden", jede eigene Aussage relativierenden und teilweise schlicht ungebildet nichtssagenden Pressemitteilungen begründet man niemals sachliche Diskussionen.
Ich begrüße nichtsdestotrotz das offenherzige politische Eingeständnis des LHG, dass beim Bolognaprozess "natürlich [sic!] einiges [sic!] falsch gelaufen" sei und dass "eben das jetzt korrigiert werden muss". Dass diese Aufgabe eine ist, "die Studenten und Dozenten in 95% der Fälle vor Ort an den Universitäten zusammen lösen müssen", ist freilich programmatischer Bestandteil der drumeben dezentral organisierten bundesweiten Bildungsstreikbewegung.
Ungeachtet dessen ist das Problem, das dem Bolognaprozess zugrunde liegt, nicht nur ein landespolitisches, sondern darüber hinaus ein bundespolitisches sowie naturgemäß ein europäisches, wenn nicht gar weltweites, weswegen ein beträchtlicher Teil der Energien in die internationale Vernetzung der Bildungsstreikbewegung fließt. Auf keiner dieser Bühnen sehen wir das Problem allein als eines im "Spannungsfeld von Kommunismus und Kapitalismus" an, was vielmehr die ideologisch verbohrte, zwischen dem edlen Selbst und einem beliebigen Sündenbock polarisierende und damit im wesentlichen unpolitische, um nicht zu sagen entpolitisierte, auf jeden Fall ungebildete Verfassung des LHG wiedergibt. Dass der LHG die Bildungsstreikbewegung als "parteipolitisch motivierte Linkskampagne" wahrnimmt, mag am erschreckenden Rechtsruck des gesamten politischen Spektrums inklusive des LHG liegen, sodass "links" einfach nicht viel übrig geblieben ist, was der LHG aber offenbar nicht zur Kenntnis nehmen kann oder will.
So verhält es sich eben auch mit der Wertung des LHG bezüglich der "Widersinnigkeit", mehr Bildung zu fordern und gleichzeitig die Teilnahme an Vorlesungen zu verhindern. Den expressis verbis abgegebenen Hinweisen der Bildungsstreikbewegung, dass Bachelor-Vorlesungen mangels hinreichender demokratischer Strukturen und vor allem aufgrund des falschen Bildungsbegriffs des Bolognaprozesses per se keine Bildungsveranstaltungen darstellen, vermag der LHG offenkundig nicht zu folgen. Er ignoriert zugleich das alternative Angebot der Offenen Unis an vielen Hochschulen, um die geforderten Strukturen mit Leben zu erfüllen.
Dass "die Leute", die da auf der Straße demonstrieren und nach mehr Mitbestimmung rufen, meist noch nie für eine Fachbereichsrats- oder Studentenparlamentswahl kandidiert haben, liegt in der Natur der repräsentativen Demokratie begründet. Das könnte man als jemand, der doch bestimmt schon mal für eine Fachbereichsrats- oder Studentenparlamentswahl kandidiert hat, durchaus wissen. Im Falle der Erwähnung einer "diesjährige[n] Neuauflage des bundesweiten Bildungsstreiks" scheint hingegen aktive Ignoranz auf Seiten des LHG im Spiel zu sein, handelt es sich beim Bildungsstreik doch um eine seit bald 20 Monaten durchgängig aktive Bewegung, deren (mindestens) jährliche Kumulationen des politischen Unmuts Aktionswochen genannt werden.
Wenn sich die locker koordinierte Bildungsstreikbewegung insgesamt vereinzelte Vorfälle von "Gewalt gegen Menschen und Sachen" 2009 zurechnen lassen müsste, was nicht nur im Anspruch lächerlich ist, sondern vor allem auch in der Sache, heißt das doch nichts anderes, als dass der LHG den kreativen Missbrauch von Klopapierrollen zu Dekorationszwecken allen Ernstes als "Gewalt gegen Sachen" ansieht, könnte sich der LHG schon mal langsam auf eine Liste von Verfehlungen der FDP vorbereiten - mit der er ja ebenso locker (Na ja, Ihr wisst, was ich meine....) verbunden ist -, die demnächst dem LHG zur Last gelegt werden, angefangen mit den faschistoiden Äußerungen des Parteivorsitzenden Westerwelle gegen Hartz-IV-Empfänger über die desaströse Planwirtschaft im Bankwesen bis hin zu den Toten von Afghanistan! Wenn Ihr das nicht wollt, Knewitz, hört einfach auf zu spinnen!










